Aktuelle Kriege und bewaffnete Konflikte (2007)

Lateinamerika | Afrika | Vorderer und Mittlerer Orient | Asien
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Das Kriegsgeschehen 2007 im Überblick
Trends
Überblick
Liste der Kriege und bewaffneten Konflikte
Kriegsdefinition
Kriegstypologie
Allgemeine Trends
Nach Untersuchungen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft
Kriegsursachenforschung (AKUF) wurden im Jahr 2007 weltweit 28 Kriege
und 14 bewaffnete Konflikte geführt. Gegenüber dem Vorjahr ist die Gesamtzahl der gewaltsam ausgetragenen Konflikte damit relativ deutlich zurückgegangen und befindet sich damit auf dem niedrigsten Stand seit 1993. Allerdings verlief die Entwicklung 2007 nicht nur positiv. So waren auch vier neu eskalierte kriegerische Konflikte zu verzeichnen, denen zehn beendete gegenüberstanden. Damit wies das Kriegsgeschehen zwischen 2006 und 2007 die größten Veränderungen seit einigen Jahren auf.
Beendet wurde der Krieg in Nepal, in dem maoistische Rebellen seit 1999 für einen Systemwechsel gekämpft haben. Auch der "Sommerkrieg" zwischen Israel und der libanesischen Miliz Hizb-allah eskalierte nicht erneut. Seit einem 2006 geschlossen Waffenstillstand schwiegen auch die Waffen im Krieg der Lord's Resistance Army (LRA) gegen die ugandische Regierung. Ebenfalls beendet wurden die früheren Kriege in Côte d'Ivoire und Laos, die 2006 bereits nur noch das Ausmaß bewaffneter Konflikte angenommen hatten. Darüber hinaus wurden auch die bewaffneten Konflikte in der angolanischen Exclave Cabinda, in Saudi-Arabien, in Haiti und in der brasilianischen Metropole Sao Paulo sowie zwischen muslimischen und
christlichen Milizen in Nigeria beendet.
Drei Kriege und drei bewaffnete Konflikte wurden 2007 neu registriert.
Im Libanon eskalierte der Konflikt zwischen der islamistischen
Gruppierung Fatah al-Islam und Sicherheitskräften zwischen Mai und
September zu einem lokal begrenzten Krieg um das palästinensische
Flüchtlingslager Nahr al-Bared im Norden des Landes. Im Gazastreifen
wurde der Machtkampf zwischen den beiden wichtigsten Gruppen der
Palästinenser, Hamas und Fatah, mit kriegerischer Gewalt ausgetragen.
In den Grenzregionen Pakistans zu Afghanistan entwickelte sich der
Kampf gegen Rückzugsbasen der Taliban unter Einbeziehung lokaler
islamistischer Gruppierungen zu einem eigenständigen Krieg.
In Niger eskalierte nach über 10 Jahren relativer Ruhe der
Konflikt mit den Tuareg erneut zum bewaffneten Konflikt. Darüber hinaus
finden sich in der Liste ein Krieg und drei bewaffnete Konflikte neu,
deren Beginn aufgrund der nun zur Verfügung stehenden Informationen
allerdings jeweils bereits von 2007 liegt. Es sind die der Krieg im
indischen Unionsstaat Manipur und die bewaffneten Konflikte im
kurdischen Teil des Iran, in der äthiopischen Region Ogaden sowie
zwischen Tuareg und der Regierung in Mali.
Die von organisierten Kämpfen am stärksten betroffene Weltregion
war weiterhin Asien mit 16 kriegerischen
Konflikten. Es folgten der Vordere und Mittlere Orient
mit jeweils 13 Kriegen und bewaffneten Konflikten (+1 gegenüber 2006) und Afrika mit 11 (-1). In Lateinamerika waren zwei kriegerische
Konflikte zu verzeichnen (-2). Damit bestätigt sich auch im Jahr 2007 die
regionale Ungleichverteilung des weltweiten Kriegsgeschehens: Weit über
90 Prozent aller Kriege seit 1945 fanden in der "Dritten Welt" statt.
Dabei spielen der Kampf um die Macht im Staat und
Sezessionsbestrebungen die Hauptrolle. Diese innerstaatlichen Kriege
dominieren das Kriegsgeschehen der letzten 50 Jahre. Zwischenstaatliche
Auseinandersetzungen wie zuletzt der Irakkrieg.
Überblick
Insbesondere drei Konflikte erregten 2007 öffentliches Interesse. Neben dem Krieg im Irak, der seit 2003 regelmäßig im Mittelpunkt internationaler Aufmerksamkeit steht, galt dies 2007 auch wieder für den so genannten Antiterrorkrieg in Afghanistan. Speziell für Deutschland spielte dabei die Frage der Ausweitung des ISAF-Einsatzes und der Einsatz von Tornado-Kampfflugzeugen zur Luftaufklärung im Süden des Landes eine große Rolle. Der dritte vielbeachtete Konflikt fand in Palästina statt. Dort eskalierte im Gazastreifen der Machtkampf zwischen Hamas und Fatah zum Krieg mit der Folge, dass sich im Gazastreifen die Hamas vorerst durchsetzen konnte, während die nicht mehr dauerhaft von Israel besetzten Gebiete im Westjordanland von der Fatah kontrolliert werden.
Obwohl hinsichtlich der Anzahl bereits seit Jahren nicht mehr an der Spitze liegend, wiesen einige Konflikte in Afrika eine überdurchschnittliche Intensität auf. Zu nennen ist hier vor allem der Krieg in der sudanesischen Region Darfur. Dieser wurde aber auch 2007 nur sporadisch beachtet, obwohl er sich seit 2006 auf die Nahbarländer Tschad und Zentralafrikanische Republik ausgeweitet hat.
Neben den neuen bewaffneten Konflikten in Niger, Mali und Äthiopien eskalierten in Afrika die beiden Kriege im Osten der Demokratischen Republik Kongo und in Somalia nochmals. Positiv verlief dagegen die Entwicklung in Burundi, wo nur noch sporadische Kampfhandlungen mit Resten ehemaliger Rebellengruppen zu beobachten waren. Keine wesentlichen Veränderungen ergaben sich in den bewaffneten Konflikten in der senegalesischen Casamance-Region und im nigerianischen Nigerdelta.
Von den 16 kriegerischen Konflikten in Asien erhielten 2007 zwei
Kriege zeitweise größere öffentliche Aufmerksamkeit. Dies betraf zum
einen die weitere Eskalation des "Tamilen-Konflikts" auf Sri Lanka, der
2005 nach zunächst erfolgversprechenden Friedensgespächen erneut zum
Krieg eskaliert war. Auch der 2007 neu begonnene Krieg zwischen
pakistanischen Taliban und der Zentralregierung stieß wegen seiner
Verbindung zum Krieg in Afghanistan zweitweise auf Interesse.
Positiv scheinen die Entwicklungen im indonesischen Westpapua und in Osttimor zu verlaufen, wo Kampfhandlungen jeweils zuletzt in der ersten Jahreshälfte berichtet wurden. Alle anderen kriegerischen Konflikte in Asien wiesen keine wesentlichen Veränderungen auf. Indien blieb auch 2007 mit insgesamt sechs Kriegen und bewaffneten Konflikten das Land mit den meisten kriegerischen Auseinandersetzungen. Auch Pakistan und die Philippinen wiesen erneut
jeweils mehr als einen kriegerisch ausgetragenen Konflikt aus. Ferner
dauerten die Kriege in Myanmar (früher Birma) und dem südlichen Thailand an.
Im Vorderen und Mittleren Orient fanden 2007 mit den Kriegen im Irak, Afghanistan und in den palästinensischen Autonomiegebieten die bewaffneten Auseinandersetzungen mit dem breitesten öffentlichen Interesse statt. Darüber hinaus dauerte auch der Nahostkonflikt zwischen palästinensischen bewaffneten Gruppen und dem israelischen Militär an. Im Libanon eskalierte der Konflikt mit der islamistischen Fatah al-Islam zu einem sowohl lokal als auch zeitlich begrenzten Krieg.
Der Kurdenkonflikt in der Türkei stieß vor allem wegen der Androhung des Vorgehens türkischer Streitkräfte gegen Rückzugsbasen der PKK im Nordirak auf ein zeitweises Interesse. Erstmals seit Jahren wurde auch wieder über bewaffnete Auseinandersetzungen im Kurdenkonflikt im Iran berichtet. Im russischen Tschetschenien-Konflikt hielt der Trend der Vorjahre an und das Kriegsgeschehen weitete sich auf andere Gebiete des Nordkaukasus innerhalb der Russischen Föderation aus. Wenig Veränderungen ergaben sich 2007 in den kriegerischen Konflikten in Algerien, Jemen und Georgien.
In Süd- und Mittelamerika dauerten die seit Mitte der 1960er Jahre geführten Kampfhandlungen mit zwei linksgerichteten Rebellengruppen in Kolumbien noch an. Dabei wurden mit der kleineren ELN erfolgversprechende Friedensgespräche geführt, die eine Umstufung des bisherigen Krieges zu einem bewaffneten Konflikt zur Folge hatten. Dagegen blieben die Gespräche mit der größeren FARC trotz Vermittlung des Nachbarlandes Venezuela bislang erfolglos.
Liste der Kriege und bewaffneten Konflikte 2007
| Kriege |
Beginn |
Einstufung 2007* |
|
Afrika |
|
Äthiopien (Ogaden)
Burundi Kongo-Kinshasa (Ostkongo) Mali (Tuareg) Niger (Tuareg)
Nigeria (Nigerdelta)
Senegal (Casamance) Somalia Sudan (Darfur) Tschad Zentralafrikanische Republik
|
2006 1993 2005 2006 2007 2003 1990 1988 2003 2006 2006
|
Bewaffneter Konflikt Bewaffneter Konflikt Krieg Bewaffneter Konflikt Bewaffneter Konflikt Bewaffneter Konflikt Bewaffneter Konflikt Krieg Krieg Krieg Krieg |
|
Asien |
|
Indien (Assam) Indien (Kaschmir) Indien (Manipur) Indien (Nagas) Indien (Naxaliten) Indien (Tripura) Indonesien (Westpapua)
Myanmar Osttimor Pakistan (Belutschistan) Pakistan (Sunniten/Schiiten) Pakistan (Taliban) Philippinen (Mindanao) Philippinen (NPA)
Sri Lanka (Tamilen) Thailand (Südthailand)
|
1990 1990 2005 1969 1997 1999 1963
2003
2006 2005 2001 2007 1970 1970 2005 2004
|
Krieg Krieg Krieg Bewaffneter Konflikt Krieg Krieg Bewaffneter Konflikt
Krieg Bewaffneter Konflikt Krieg Bewaffneter Konflikt Krieg Krieg Krieg Krieg Krieg |
|
Vorderer und Mittlerer Orient |
|
Afghanistan (Mujahedin/Warlords) Afghanistan (Taliban) Algerien Georgien (Abchasien)
Georgien (Südossetien)
Irak Iran (Kurdistan)
Israel (Palästina)
Jemen Libanon (Fatah al-Islam) Palästina (Hamas/Fatah) Russland (Tschetschenien)
Türkei (Kurdistan)
|
1978 2001 1992 2006 2004
1998 2005
2000
2004 2007 2007 1999 2004
|
Krieg Krieg Krieg Bewaffneter Konflikt Bewaffneter Konflikt Krieg Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg Krieg Krieg Krieg Krieg |
|
Lateinamerika |
|
Kolumbien (ELN) Kolumbien (FARC) |
1964 1965 |
Bewaffneter Konflikt Krieg |
|
|
|
|
|
* Zur Definition von Krieg bzw. Bewaffneter Konflikt siehe Kriegsdefinition
Kriegsdefinition
In Anlehnung an den ungarischen Friedensforscher István Kende (1917-1988) definiert die AKUF Krieg als einen gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale aufweist: (a)
an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt,
bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte
(Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung
handelt; (b) auf beiden Seiten muß ein Mindestmaß an
zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes
gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte
bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen,
Partisanenkrieg usw.); (c) die bewaffneten Operationen ereignen
sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als
gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach
einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet
einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie
dauern. Kriege werden als beendet angesehen, wenn die
Kampfhandlungen dauerhaft, d.h. für den Zeitraum von mindestens einem
Jahr, eingestellt bzw. nur unterhalb der AKUF-Kriegsdefinition
fortgesetzt werden. Als bewaffnete Konflikte werden gewaltsame
Auseinandersetzungen bezeichnet, bei denen die Kriterien der
Kriegsdefinition nicht in vollem Umfang erfüllt sind. In der Regel
handelt es sich dabei um Fälle, in denen eine hinreichende Kontinuität
der Kampfhandlungen nicht mehr oder auch noch nicht gegeben ist.
Bewaffnete Konflikte werden von der AKUF erst seit 1993 erfaßt.
Kriegstypologie
Die AKUF unterscheidet zwischen fünf Kriegstypen:
- A = Antiregime-Kriege: Kriege, in denen um den Sturz
der Regierenden oder um die Veränderung oder den Erhalt des politischen
Systems oder gar der Gesellschaftsordnung gekämpft wird.
-
B = Autonomie- und Sezessionskriege: Kriege, in
denen um größere regionale Autonomie innerhalb des Staatsverbandes oder
um Sezession vom Staatsverband gekämpft wird.
-
C = Zwischenstaatliche Kriege: Kriege, in denen
sich Streitkräfte der etablierten Regierungen mindestens zweier
staatlich verfaßter Territorien gegenüberstehen, und zwar ohne
Rücksicht auf ihren völkerrechtlichen Status.
-
D = Dekolonisationskriege: Kriege, in denen um die Befreiung von Kolonialherrschaft gekämpft wird.
-
E = Sonstige Kriege.
Zahlreiche Kriege lassen sich nicht eindeutig einem dieser Typen
zuordnen, weil sich verschiedene Typen überlagern oder sich der
Charakter des Krieges im Verlauf der Kampfhandlungen verändert, so daß
sich Mischtypen bilden.
Ein weiteres Kriterium für die Typologisierung von Kriegen ist die Fremdbeteiligung.
Als Intervention oder Fremdbeteiligung berücksichtigt die AKUF nur
diejenigen Fälle, in denen die Streitkräfte eines weiteren Staates
unmittelbar an den Kämpfen teilnimmt. Bloße Waffenlieferungen,
finanzielle oder logistische Unterstützung und dergleichen werden nicht
als Intervention gewertet. 1 = Krieg mit unmittelbarer Fremdbeteiligung
2 = Krieg ohne unmittelbare Fremdbeteiligung
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