221 Guinea-Bissau
Kriegsdauer: 7.6.1998 - 8.5.1999 Kriegstyp: A-1 Kriegsbeendigung durch:
KRIEGFÜHRENDE
Angreifer (Seite A): Armeeteile unter Mané Angegriffener (Seite B): Guinea-Bissau Intervention zu Gunsten Seite B: Senegal, Guinea
KONFLIKTGEGENSTAND UND -ZIELE
Am 7. Juni 1998 begannen Teile der Armee Guinea-Bissaus unter der Führung des Brigadegenerals Ansoumane Mané eine Revolte, die den Sturz von Staatspräsident JoÞo Bernado Vieira zum Ziel hatte. Bereits nach kurzer Zeit griffen Streitkräfte die beiden Nachbarländer Senegal und Guinea zugunsten des Präsidenten in die Kämpfe ein. Letztlich konnten diese aber Vieiras Sturz am 8. Mai 1999 nicht verhindern. Dieses Datum markiert auch das Ende des elfmonatigen Bürgerkriegs.
Guinea-Bissau, eines der ärmsten Länder der Erde, erlangte seine Unabhängigkeit von Portugal 1974 nach einem über elf Jahre währenden Unabhängigkeitskrieg. Seither wurde die Politik des Landes von der "Partido Africano da Independência de Guiné e Cabo Verde" (PAIGC) und deren inneren Machtkämpfen bestimmt. Der derzeitige Staatspräsident Vieira stürzte 1980 seinen früheren Weggefährten und Gründungspräsidenten Luíz Cabral durch einen relativ unblutigen Militärputsch. Auch sein jetziger Gegner Mané gehört in die Riege der alten Kämpfer aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges.
Nach einer Ende der achtziger Jahre begonnenen politischen Liberalisierung wurde Vieira 1994 mit 52 Prozent der abgegebenen Stimmen als Staatspräsident erstmals in freien, wenn auch umstrittenen Wahlen bestätigt. Die frühere Einheitspartei PAIGC errang mit 46 Prozent eine absolute Mehrheit und stellte 62 der 100 Parlamentssitze. Die größte Oppositionspartei kam auf knapp 20 Prozent der Stimmen und 19 Abgeordnetenmandate.
Außenpolitisch war das Verhältnis zum Nachbarland Senegal seit der Unabhängigkeit konfliktträchtig, wenn es auch nie zum Ausbruch dieser Konflikte kam. Von Seiten Guinea-Bissaus steht der Vorwurf einer mangelnden Unterstützung während des langen Unabhängigkeitskrieges im Raum. Eine unklare Grenzziehung in einem Gebiet vor der Küste, in dem Ölreserven vermutet werden, wurde vom Internationalen Gerichtshof zugunsten Senegals entschieden. Schwerwiegender waren die Beziehungen in den letzten Jahren durch die direkt an der gemeinsamen Grenze auf der Seite Guinea-Bissaus untergebrachten mehr als 10.000 Flüchtlinge aus dem Süden Senegals, der Casamance, belastet. Hier rekrutierte nach senegalesischen Vorwürfen die "Mouvement des Forces Démocratiques de la Casamance" (MFDC) Kämpfer für ihren Sezessionskrieg (siehe den Bericht zum senegalesischen Casamance-Konflikt).
Der Krieg im Senegal bildet auch den direkten Hintergrund für die Armeerevolte im Juni 1998. Im Herbst 1997 verstärkte Vieira seine Anstrengungen zur Anlehnung an den großen Nachbarn Senegal und versprach insbesondere, eine Unterstützung der MFDC aus Guinea-Bissau heraus zu unterbinden. Mehrere Offiziere der Armee Guinea-Bissaus wurden unter dem Vorwurf des Waffenverkaufs an die MFDC verhaftet, und Brigadegeneral Mané wurde als Stabschef der Armee Ende Januar 1998 beurlaubt. Mané soll sich darüber hinaus geweigert haben, an einer gemeinsamen Militäroperation mit senegalesischen Streitkräften gegen MFDC-Kämpfer teilzunehmen. Auf seine Beurlaubung hin erhob Mané Korruptionsvorwürfe gegen Präsident Vieira. Eine Untersuchungskommission sollte diese gegenseitigen Vorwürfe klären und im Juni 1998 dem Parlament Bericht erstatten. Wenige Tage vor der Anhörung Manés im Parlament setzte Vieira einen neuen Stabschef ein, und am folgenden Tag, dem 7. Juni, griffen rebellierende Truppen das Armeehauptquartier an.
Bereits zwei Tage später intervenierten die Nachbarstaaten Senegal und Guinea zugunsten von Präsident Vieira in die Kämpfe. Ohne diese Hilfe hätte sich Vieira nicht an der Macht halten können, da von den etwa 9.000 Mann starken "Foræas Armadas Revolucionárias do Povo" (FARP), der Armee Guinea-Bissaus nach Schätzungen 90 Prozent zu den Rebellen überliefen. Diese kämpften unter der Führung einer "Junta Militar" in der Folge vor allem gegen senegalesische Truppen in der Größenordnung von zunächst 1.200 bis 2.500 Soldaten. Für die Interventionstruppe aus Guinea liegen Zahlen von 150 bis 1.000 Soldaten vor, die eher defensiv bei der Verteidigung des Präsidentenpalastes und der Überwachung der Grenze zwischen Guinea und Guinea-Bissau eingesetzt wurden. Auf Seite der Rebellen sollen sich auch Kämpfer der MFDC beteiligt haben.
Die erste Phase heftiger Kämpfe lag in der Zeit vom Beginn der Revolte bis zu einem Waffenstillstandsabkommen am 25. August. Für diese zwei Monate der Auseinandersetzungen wird von etwa 2.000 Toten berichtet. Von den etwa 1,1 Millionen Bewohnern Guinea-Bissaus flohen 200.000 bis 300.000 Zivilisten, vor allem aus der über 250.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Bissau, die im Zentrum der Kämpfe stand. Ebenfalls in dieser Zeit gelang es den Rebellen, über 90 Prozent des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Eine zweite Phase mit heftigen Kämpfen fand im Oktober statt. Die senegalesischen Truppen wurden dabei auf etwa 3.500 Mann verstärkt, und die in der Periode relativer Ruhe zurückgekehrten Hauptstadtbewohner mußten erneut fliehen. Diese Kämpfe flauten nach einem Friedensabkommen Anfang November wieder ab, und anschließend herrschte erneut eine Phase relativer Ruhe.
Das am 1. November im Rahmen eines Gipfels der "Economic Community of West African States" (ECOWAS) geschlossene Friedensabkommen sah für eine Übergangszeit eine Regierung der "Nationalen Einheit" sowie eine Ersetzung der Truppen Senegals und Guineas durch Einheiten der bereits in Liberia und Sierra Leone stationierten "ECOWAS Cease-Fire Monitoring Group" (ECOMOG) vor.
Die Umsetzung des Friedensabkommens stieß in der Folge auf Schwierigkeiten. So konnte zwar Mitte Dezember Einigkeit über die Verteilung von Ministerien in der Übergangsregierung erzielt werden, die ursprünglich für die zweite Januarhälfte vorgesehene Vereidigung des Kabinetts verzögerte sich aber. Die Stationierung von ECOMOG-Truppen begann erst kurz vor Ende des Jahres 1998 mit einem Kontingent von 80 Soldaten aus Togo; als dann das nächste größere Kontingent mit jeweils etwa 150 Soldaten aus Benin und Niger an Land gehen sollte, kam es am 31. Januar 1999 erneut zum Ausbruch von Kämpfen zwischen den Truppen Vieiras und den Rebellen. Diese dauerten bis zum 3. Februar und forderten erneut über 100 Todesopfer.
In den Monaten Februar und März wurden aber weitere Teile des Friedensabkommens umgesetzt: Die Einheiten der ECOMOG wurden mit etwa je 150 Soldaten aus Benin, Gambia, Niger und Togo auf eine Gesamtstärke von etwa 600 Mann aufgestockt, die Interventionstruppen aus Senegal und Guinea verließen zum letztmöglichen vereinbarten Zeitpunkt das Land, und die mit Gefolgsleuten von Präsident Vieira und Juntachef Mané besetzte Übergangsregierung wurde doch noch vereidigt.
Zu einer vierten und letzten Runde mit schweren Kämpfen kam es dann zwischen dem 6. und 8. Mai 1999. Anlaß hierfür war eine Auseinandersetzung über die Größe der bewaffneten Leibwache, die Präsident Vieira im Rahmen des Friedensabkommens zugestanden worden war. Als Folge dieser Aktion, die erneut über 100 Menschen das Leben kostete, wurde Vieira endgültig entmachtet und von den Rebellen zunächst in die portugiesische Botschaft gebracht. Von dort verließ er Guinea-Bissau später, zunächst in Richtung Gambia und anschließend nach Portugal. Ein politisches Ende der Herrschaft Vieiras hatte sich aber bereits Ende November 1998 angedeutet, als das von seiner Partei dominierte Parlament in seiner ersten Sitzung nach Beginn der Kämpfe mit 69 Stimmen ohne Gegenstimme seine Abdankung wegen des Hilferufs an die Regierungen Senegals und Guineas gefordert hatte.
ERGEBNISSE DES KRIEGES
Mit dem Putsch kann der Bürgerkrieg in Guinea-Bissau als beendet angesehen werden, zumal bereits Anfang Juni des Berichtsjahres mit dem Abzug der ECOMOG-Einheiten begonnen wurde. In der weiteren politischen Entwicklung wurde zwar im Einklang mit der Verfassung der Vorsitzende der Nationalversammlung, Malam Bacai Sanhá, zum Interimspräsidenten bis zur Abhaltung von Neuwahlen gewählt. Die eigentliche Macht wurde aber von der "Junta Militar" ausgeübt. Noch einen Tag vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 28. November 1999 versuchte die Militärregierung sich zumindest eine Teilhabe an der Macht durch den Vorschlag einer Vereinbarung zu sichern, stieß damit aber bei allen relevanten Kandidaten und Parteien auf wenig Gegenliebe.
Bei den Präsidentschaftswahlen gewann der in der Wahl von 1994 knapp unterlegene Oppositionspolitiker Koumba Yalla in der ersten Runde die meisten Stimmen, muß sich aber einer Stichwahl mit Übergangspräsident Malam Bacai Sanhá von der früheren Einheitspartei PAIGC stellen, deren Ergebnis bei Redaktionsschluß noch nicht feststeht. Die Parlamentswahlen bedeuteten vor allem für die PAIGC eine herbe Niederlage, sie erreichte statt 62 nur noch 25 Sitze.
Wolfgang Schreiber
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